Fotos: Myriams-Fotos | Sharon McCutcheon | Tim Krauss | Deep Rajwar | JoAnne McArthur

Projekt: Umweltschäden einpreisen – Lebensmittel fair besteuern

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Sehr geehrte Leser*innen!

Stellen Sie sich vor, ein Außerirdischer käme als umweltpolitischer Berater auf die Erde und würde sich ein Bild von der Lage in Deutschland machen. Welcher Sachverhalt würde ihm unmittelbar ins Auge springen? Vermutlich jener, dass einer der Branchen mit den drastischsten Umweltzerstörungen und zugleich gravierendsten ethischen Probleme von der Politik bisher überwiegend freie Bahn gelassen wird.

Denn während sich bei Strom, Verkehr und Wärme zögerlich politisch initiierte Verbesserungen abzeichnen, existieren Zerstörung und Leid durch die industrielle Massentierhaltung weitgehend ungebremst:

  • Ammoniakemissionen aus Gülle und die resultierende Feinstaubbelastung führen jedes Jahr zum vorzeitigen Tod Tausender von Menschen in Deutschland (lt. Max-Planck-Institut für Chemie).
  • Überdüngung belastet unsere Gewässer und Böden.
  • Futtermittelimporte vernichten Naturgebiete in Südamerika.
  • Die Treibhausgasemissionen (im In- und Ausland) für den Konsum tierischer Lebensmittel in Deutschland entsprechen einem Niveau von 16,5 % der Treibhausgasemissionen Deutschlands (Quelle: Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik und eigene Berechnung).
  • Millionen Hühner, Schweine und Rinder leiden in diesem Moment unter unzumutbaren Lebensbedingungen in den Ställen der Massentierhaltung.

 

Es gibt kein wissenschaftliches Erkenntnisproblem, der Fall ist klar: Herstellung und Verbrauch tierischer Produkte müssen drastisch gesenkt werden. Aufgrund der Fülle an hochwertigen pflanzlichen Alternativen ist diese Zielsetzung nicht nur unabdingbar, sondern auch gut umsetzbar.

Die folgenden Inhalte soll in diesem Sinne Informationen anbieten, Lösungsmöglichkeiten aufzeigen und Politiker*innen, (Land)Wirtschaft und Bürger*innen zum Handeln motivieren. 

Wir wünschen Ihnen spannende Erkenntnisse bei der Lektüre und den Glauben, etwas bewegen zu können. Eine andere Landwirtschaft ist möglich!

Ihr Lukas Feldmeier und Ihre Anne Sill
für die Deutsche Tier-Lobby e.V.*

* Die Deutsche Tier-Lobby e.V. ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Nürnberg. Wir setzen uns für radikal bessere Lebensbedingungen der sog. “Nutz”tiere und eine massive Senkung der Tiernutzung durch den Menschen ein.

Auswirkungen unseres Konsums von Tierprodukten

Die ökologischen und sozialen Beeinträchtigungen durch die Erzeugung tierischer Produkte beginnen bereits beim Futtermittelanbau. Dieser findet anteilig im Ausland (v.a. USA, Südamerika) statt. Im Folgenden werden die Auswirkungen über alle drei Wertschöpfungsstufen (Futtermittelerzeugung, Tierhaltung, Nach-Tierhaltung) zusammenfassend dargestellt.

(1a) Futtermittelerzeugung in Deutschland (USA/Europa)

Zur Erzeugung einer tierischen Kalorie ist wegen Stoffwechselverlusten im Organismus der Tiere ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien in Form von Futtermitteln notwendig.

Erhöhter Flächenbedarf (1)

Erhöhter Energieverbrauch und
Düngemittelbedarf.

Erhöhter Flächenbedarf (2)

Höhere CO2 Emissionen u.a. durch Nutzung von Moorböden.
Entgangene alternative Nutzungsmöglichkeiten mit höherer CO2-Bindung
(Wälder statt Äcker).

(1B) Futtermittelerzeugung (vor allem Soja) in Südamerika

Zusätzliche/verschärfte Probleme im Vergleich zur Futtermittelerzeugung in Deutschland:

Pestizide (wenig reguliert)
⇒ Bedrohung der Gesundheit von Menschen sowie der Artenvielfalt.

Zerstörung von Waldgebieten und Savannen
⇒ Lebensraumvernichtung von Tieren, Menschen, Pflanzen, Freisetzung von CO2.

Landkonflikte
⇒ Gewaltsame Auseinandersetzungen mit
Verletzten und Toten

Siehe auch: Weltagrarbericht

Transport
Transport
(2) Tierhaltung in Deutschland

Verursachung von Tierleid durch nicht artgerechte Haltungssysteme.

Schlechte Haltungsbedingungen und
hohe Besatzdichten, Folgen:

⇒ Häufige Erkrankungen

⇒ hoher Antibiotikaeinsatz

⇒ Bildung antibiotikaresistenter Keime.

⇒ Gefahr der schnellen Ausbreitung von Seuchen.

◦ Futtermittel enthalten Stickstoff ⇒ Verfütterung ⇒ Stickstoff-Überschüsse, enthalten in Gülle und Festmist, fallen am Stärksten in Hochburgen der Massentierhaltung an.

⇒ Ammoniakemissionen (1) ⇒ Feinstaubbildung ⇒ Vorzeitiger Tod zehntausender Menschen jedes Jahr in Deutschland.¹

⇒ Ammoniakemissionen (2): Versauerung der Böden über Regen: Schädigung von Bodenorganismen wie Regenwürmern, Destabilisierung der Pflanzen.

⇒ Belastung von Gewässern durch Nitrat.²

⇒ Emission der Treibhausgase Lachgas und Methan.

Methanausstöße (=Treibhausgas) durch Wiederkäuer.

Energieaufwand für Beheizung/
Klimatisierung der Ställe.

Transport
(3) Effekte im Anschluss an die Tierhaltung

CO2-Emissionen und Tierleid durch Transporte.

Ausbeutung von Arbeitskräften in Schlachthöfen.

◦ Häufig qualvolle Schlachtung
(Fehlbetäubungen, Erstickungsgefühle).

Erhöhter Energieaufwand für
Verarbeitung, Kühlung und
Zubereitung.

Goodland/Anhang 2009 , !4;

◦ Hoher Fleischkonsum ⇒
Herz-Kreislauf-Krankheiten ⇑
Diabetes ⇑
Darmkrebs ⇑

Legende

Treibhausgase

Tierleid

Soziale / Gesundheitliche Risiken

Regionale Umweltgefährdung

(1a) Futtermittelerzeugung in Deutschland (USA/Europa)

Zur Erzeugung einer tierischen Kalorie ist wegen Stoffwechselverlusten im Organismus der Tiere ein Vielfaches an pflanzlichen Kalorien in Form von Futtermitteln notwendig.

Erhöhter Flächenbedarf (1)

Erhöhter Energieverbrauch und
Düngemittelbedarf.

Erhöhter Flächenbedarf (2)

Höhere CO2 Emissionen u.a. durch Nutzung von Moorböden.
Entgangene alternative Nutzungsmöglichkeiten mit höherer CO2-Bindung
(Wälder statt Äcker).

(1B) Futtermittelerzeugung (vor allem Soja) in Südamerika

Zusätzliche/verschärfte Probleme im Vergleich zur Futtermittelerzeugung in Deutschland:

Pestizide (wenig reguliert)
⇒ Bedrohung der Gesundheit von Menschen sowie der Artenvielfalt.

Zerstörung von Waldgebieten und Savannen
⇒ Lebensraumvernichtung von Tieren, Menschen, Pflanzen, Freisetzung von CO2.

Landkonflikte
⇒ Gewaltsame Auseinandersetzungen mit
Verletzten und Toten

Siehe auch: Weltagrarbericht

Transport
(2) Tierhaltung in Deutschland

Verursachung von Tierleid durch nicht artgerechte Haltungssysteme.

Schlechte Haltungsbedingungen und
hohe Besatzdichten, Folgen:

⇒ Häufige Erkrankungen

⇒ hoher Antibiotikaeinsatz

⇒ Bildung antibiotikaresistenter Keime.

⇒ Gefahr der schnellen Ausbreitung von Seuchen.

◦ Futtermittel enthalten Stickstoff ⇒ Verfütterung ⇒ Stickstoff-Überschüsse, enthalten in Gülle und Festmist, fallen am Stärksten in Hochburgen der Massentierhaltung an.

⇒ Ammoniakemissionen (1) ⇒ Feinstaubbildung ⇒ Vorzeitiger Tod zehntausender Menschen jedes Jahr in Deutschland.¹

⇒ Ammoniakemissionen (2): Versauerung der Böden über Regen: Schädigung von Bodenorganismen wie Regenwürmern, Destabilisierung der Pflanzen.

⇒ Belastung von Gewässern durch Nitrat.²

⇒ Emission der Treibhausgase Lachgas und Methan.

Methanausstöße (=Treibhausgas) durch Wiederkäuer.

Energieaufwand für Beheizung/
Klimatisierung der Ställe.

Transport
(3) Effekte im Anschluss an die Tierhaltung

CO2-Emissionen und Tierleid durch Transporte.

Ausbeutung von Arbeitskräften in Schlachthöfen.

◦ Häufig qualvolle Schlachtung
(Fehlbetäubungen, Erstickungsgefühle).

Erhöhter Energieaufwand für
Verarbeitung, Kühlung und
Zubereitung.

Goodland/Anhang 2009 , !4;

◦ Hoher Fleischkonsum ⇒
Herz-Kreislauf-Krankheiten ⇑
Diabetes ⇑
Darmkrebs ⇑

Legende

Treibhausgase

Tierleid

Soziale / Gesundheitliche Risiken

Regionale Umweltgefährdung

¹ Lt. Max-Planck-Institut für Chemie gehen pro Jahr 54.000 vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub auf die Landwirtschaft zurück. Wir schätzen den Anteil der Tierwirtschaft inkl. Futtermittelanbau (Kunstdünger) auf 80-90%, d.h. 43.000-49.000 Menschen, die vorzeitig sterben.

² Deutschland wurde 2018 wegen Verletzung der EU-Vorgaben zur Nitratbelastung des Grundwassers vom Europäischen Gerichtshof verurteilt, im Jahr 2019 wurde ein zweites Vertragsverletzungsverfahren eingeleitet, das wegen der in 2020 novellierten Düngeverordnung vorerst ruht.

Treibhausgase durch die Ernährung in Deutschland

Nach einer Studie von Meier (2014), zitiert in Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik (2016), S.29 unterteilen sich die Emissionen durch die Ernährung im Jahr 2006 in folgende Bereiche:

  • Landnutzung/Landnutzungsänderungen im In- und Ausland: 29 Mio. Tonnen CO2-Äquivalente,
  • Landwirtschaftliche Produktion und deren Vorleistungen: 108 Mio. Tonnen
  • Verarbeitung: 21 Mio. Tonnen
  • Handel/Transport: 14 Mio. Tonnen
  • Verpackung: 18 Mio. Tonnen.
  • Die Emissionen durch den/die Endverbraucher*in und die Gastronomie werden vom Wissenschaftlichen Beirat für Agrarpolitik (2016) auf ca. 25% der Ernährungsemissionen geschätzt, was bezogen auf die Berechnung von Meier (2014) rund 60 Mio. Tonnen entspricht.
  • Summe: 250 Mio. Tonnen.
Abbildung 1 Treibhausgasemissionen der Ernährung in Deutschland nach CO2-Äquivalenten in %

Der wissenschaftliche Beirat für Agrarpolitik (2016) gibt die Gesamtemissionen (im In- und Ausland) der Ernährung (im Inland) unter Bezugnahme auf Meier (2013) mit 240 Mio. Tonnen bzw. 25% der Gesamtemissionen Deutschlands an.

Davon gehen 66% auf den Verbrauch tierischer Produkte zurück (21% pflanzlich, 13% Getränke, Quelle: Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik), was wiederum einen Anteil tierischer Produkte an den Gesamtemissionen Deutschlands von 16,5% impliziert.  

Es ist davon auszugehen, dass der aktuelle Anteil der Ernährung und insbesondere jener durch den Verzehr tierischer Produkte an den Gesamtemissionen Deutschlands noch höher liegt. Lt. Umweltbundesamt gingen die landwirtschaftlichen Emissionen (v.a. Methan und Lachgas) zwischen 2006 und 2020 kaum zurück (-3%), während die Gesamtemissionen Deutschlands im gleichen Zeitraum um 26% gesenkt werden konnten (Umweltbundesamt 2021). Wie oben bereits dargestellt, bilden die landwirtschaftlichen Emissionen nur einen Teil der Emissionen durch die Ernährung. Auch werden die Systemgrenzen je nach Darstellung unterschiedlich gezogen: So können die Emissionen durch Agrardiesel dem Verkehrs- oder dem Landwirtschaftssektor zugeordnet werden, die bei der Produktion von Düngemitteln entstehenden Treibhausgase können als Industrie- oder Landwirtschaftsemissionen definiert werden etc.

… und global

International zeigte sich zuletzt ein gegenteiliger Effekt im Vergleich zu Deutschland. Aufgrund der global steigenden Emissionen in anderen Sektoren verringerte sich der Anteil der Tierwirtschaft an den globalen Gesamtemissionen von 18% (FAO 2006) auf 14,5% (FAO 2013). Das absolute Niveau der Treibhausgasemissionen der Tierproduktion blieb mit 7,1 Gigatonnen CO2-Äquivalenten konstant. Die Systemgrenzen sind allerdings enger gezogen als in der obigen Darstellung für Deutschland und klammern die Emissionen durch den/die Endverbraucher*in aus. Sollten andere Branchen ihre Emissionen planmäßig reduzieren, droht ein Anstieg des Anteils tierischer Lebensmittel an den weltweiten Gesamtemissionen auf 30% im Jahr 2030 und über 80% im Jahr 2050 (Fleisch-Atlas 2018).

Das World Watch Institute (2009) kritisierte in seiner Erhebung die Werte der FAO als zu niedrig und ermittelte einen Anteil der Tierwirtschaft an den globalen Emissionen von 51%. Diese Studie löste einen regelrechten Gelehrtenstreit aus inkl. Replik durch Herrero et al. (2011) und Gegen-Erwiderung durch Goodland und Anhang (2012). Die Unterschiede zwischen den beiden Ansätzen werden wir in Kürze hier skizzieren.

Das Leben eines Mutterschweins

Schweine in Kastenständen

© We Animals Media / Jo-Anne McArthur

Die Tierhaltung in Deutschland wird den ethischen Ansprüchen unserer Gesellschaft in keinster Weise gerecht. Wir wollen dies am Beispiel des Lebens eines fiktiven Mutterschweins deutlich machen. Das Leid der Sauen erscheint als besonders drastisch, doch auch die Bedürfnisse fast aller anderen „Nutz“tiere werden nicht respektiert. Ein grundlegender Wandel weit über die Abschaffung von Kastenständen und anderen Käfigen hinaus ist daher nötig: In Deutschland, in Europa, weltweit.

Lucy ist ein Mutterschwein. Sie ist tragend. Zum fünften Mal in ihrem kurzen Leben. Wie etwa zwei Millionen andere Mutterschweine in Deutschland wird sie eine Woche vor der Geburt ihrer Ferkel in den sogenannten „Ferkelschutzkorb“ gesperrt. In dieser Gitterbox kann sie sich nicht einmal umdrehen. An diesem Tag kommen ihre elf Ferkel zur Welt. Sie will ihnen ein sauberes Nest aus Stroh bauen. Doch da ist nur ein kalter Betonspaltenboden und ihre eigenen Exkremente. Sie will für sie da sein wie eine Mutter für ihre Kinder. Doch sie kann sich kaum bewegen. So geht das bis zu vier Wochen. Dann werden die Ferkel von ihr getrennt. Lucy kommt direkt in den nächsten Kastenstand. Dort wird sie besamt. Der Produktionsrhythmus beginnt von vorne. Ein kleiner Schritt nach vorne, ein kleiner nach hinten. Fünf Wochen lang.

Die nächste Station heißt Gruppenhaltung. Lucy will auf einem weichen Waldboden mit dem Rüssel nach Nahrung suchen und wühlen. Doch da ist wieder nur der harte Spaltenboden. Ihre Gelenke schmerzen. Sie will rennen oder laufen. Doch für mehr als ein paar Schritte ist auch hier kein Platz. Durch die Enge kommt es vermehrt zu Rangkämpfen und Verletzungen. Die Schadgase vom Flüssigmist unter ihr reizen die Atemwege. Nach etwa elf Wochen ist es wieder so weit. Lucy muss zurück in den Kastenstand. Bald wird sie ein letztes Mal Ferkel bekommen.

Die Proteste gegen den Kastenstand zeigen Wirkung. Im Juli 2020 beschließt der Bundesrat die Änderung der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Doch noch immer ist ein vollständiger Ausstieg aus dem Kastenstand nicht in Sicht. Bis 2029 wird er im Deckzentrum zugelassen sein. Im Abferkelbereich werden Muttersauen auch nach der langen Übergangsfrist, die bis 2036 und in Härtefällen sogar bis 2038 reicht, fünf Tage am Stück fixiert werden dürfen – und das bis zu drei Mal im Jahr.

Im Alter von drei Jahren hat Lucy ausgedient. Der Landwirt spricht von einem Ende ihrer Nutzungsdauer und einer sinkenden Quote bei der Ferkelproduktion. Deswegen wird Lucy geschlachtet. Nach sechs Geburten. Nach fast einem halben Leben im Kastenstand. Eine Abschaffung der Kastenstände wird ihr nichts mehr nützen – aber Millionen ihrer Artgenossen.

Jetzt handeln!

Unsere Forderungen an die Politik für eine echte Agrar- und Ernährungswende
Ziele verbindlich verankern
  • Bundesweite Reduktion tierischer Lebensmittel (Produktion und Konsum) um 50% bis 2030.
Schäden eindämmen, Umwelt, Natur & Klima schützen!

Höhere Preise setzen Anreize für die Eindämmung von Schäden in der Landwirtschaft und die Senkung der Nachfrage durch die Verbraucher*innen.

Unsere Ansatzpunkte:
  • Einführung einer Stickstoffüberschussabgabe. Stickstoffüberschüsse treten am Stärksten in Hochburgen der Industriellen Tierhaltung auf und belasten Luft, Boden und Gewässer → Erhebung beim Landwirt oder als Emissionssteuer auf das Endprodukt. Hohe Steuer auf tierische Produkte wegen hoher Überschüsse, niedrige Abgabe für pflanzliche Produkte wegen geringer Überschüsse.
  • Einführung einer Pestizidabgabe, die Anreize für Landwirt*innen zugunsten einer ökologischeren Nahrungsmittelerzeugung setzt.
  • Einbeziehung der spezifischen Treibhausgas-Emissionen der Tierwirtschaft wie Methan und Lachgas in eine vereinfachte CO2-Äquivalente-Bepreisung. Ausstieg aus der Moorbewirtschaftung.
  • Anhebung der CO2-Abgabensätze und -Preise in allen Sektoren (Energie, Verkehr, Industrie).
  • Erhöhung der Mehrwertsteuer für tierische Produkte auf 19%. Ausnahmen für Lebensmittel aus ökologischer Produktion sowie von Tieren aus Weidehaltung möglich.
  • Verschärfung ordnungsrechtlicher Maßnahmen zur Reduktion der Ammoniakemissionen. Der vorzeitige Tod Tausender Menschen jedes Jahr duldet keinen Aufschub!
  • Stärkung ökologischer Kriterien im Lieferkettengesetz zur Einbeziehung landwirtschaftlicher Produkte (Soja, Palmöl, Rindfleisch etc.). Greenpeace (2021)

Höhere Preise für Lebensmittel?!

Ja, die Preise für tierische Produkte müssen deutlich steigen, um Anreize für den Umstieg auf nachhaltigere Lebensmittel zu setzen. Anders ist die unbedingt notwendige Ernährungswende nicht zu schaffen. Ein Menschenrecht auf Billig- und Qualfleisch (-milch, -eier etc.) existiert nicht!

Den Bürger*innen stehen aber eine saubere Umwelt, körperliche Unversehrtheit und hochwertige Lebensmittel zu erschwinglichen Preisen zu.

Durch einen klugen Politikmix aus marktwirtschaftlichen und ordnungsrechtlichen Instrumenten, der tierische Produkte deutlich verteuert und pflanzliche Alternativen fördert, ist dieses Ziel erreichbar. Ansatzpunkte haben wir im vorherigen Kapitel sowie im Folgenden zusammengetragen.

Mit der Bepreisung ökologischer Schäden muss durch die Anhebung der Mehrwertsteuer auf konventionelle tierische Produkte auf 19% unverzüglich begonnen werden. Im Anschluss schlagen wir eine schrittweise Weiterführung vor, um Bürger*innen und Produzent*innen Zeit für die Umstellung zu geben.

Wir fordern die Erhöhung der Mehrwertsteuer für konventionelle tierische Produkte auf 19% zum 01.01.2023. Ab 2024 sollen im Rahmen einer Pestizidabgabe die ökologischen Kosten von Pflanzenschutzmitteln (hier von uns nur grob und pauschal zugeschlüsselt) eingepreist werden.

Die Umweltkosten (u.a. Treibhausgase, Stickstoffüberschüsse, Landnutzungsänderung) wurden von Wissenschaftler*innen der Universitäten Augsburg und Greifswald im Auftrag des Discounters Penny berechnet. Wir schlagen deren Einpreisung durch die oben skizzierten Instrumente (Stickstoffüberschussabgabe, Emissionssteuer, CO2-Bepreisung) in zwei Stufen zu je 50% ab 2025 und ab 2027 vor. Die Preise für 2021 sind Tageswerte eines Nürnberger Supermarkts im Juni 2021. Nicht alle Schäden lassen sich monetär beziffern wie z.B. Tierleid.

Der zielgerichtete Einsatz der Einnahmen ermöglicht mehr Gerechtigkeit (sozial, Geschlechter-, Verursacher-) und deutlich mehr Tierschutz:

1. Rückverteilung der Einnahmen aus der CO2-Bepreisung (für Energie, Verkehr
und landwirtschaftliche Emissionen) an die Bevölkerung
  • Großteil: Klimapauschale an alle Bürger*innen.
  • Ergänzend: Erhöhung von Sozialleistungen wie ALG II und Wohngeld.
    Da Gutverdiener*innen einen größeren CO2-Fußabdruck haben, die Klimapauschale aber für alle Bürger*innen denselben Betrag vorsieht, profitieren Geringverdiener*innen. Die Benachteiligung von Frauen, Vegetarier- und Flexitarier*innen, die deutlich weniger Tierprodukte konsumieren als die Durchschnittsbevölkerung, aber genauso für die Schäden aufkommen müssen, wird beendet.
2. Stärkung von Alternativen für Konsument*innen und Landwirt*innen
  • Absenkung der Mehrwertsteuer auf alle pflanzlichen Lebensmittel inkl. Milchersatzprodukten auf 5%.
  • Forschungsförderung zur weiteren Verbesserung pflanzlicher und kultivierter Alternativen (In-Vitro-Fleisch).
  • Zügige Marktzulassung von In-Vitro-Fleisch, sofern gesundheitlich unbedenklich und sobald ohne Kälberserum herstellbar. Unterstützung der Markteinführung. Weiterführend: Umweltbundesamt (2019), agrarheute (2021)Quarks (2020)
  • Auflegung von Programmen für ausstiegswillige Tierhalter*innen, Vorbild: Niederlande. Schaffung von Perspektiven für Landwirt*innen jenseits der Tierhaltung. topagrar (2020) 
3. Tierqual endlich beenden!
  • Solange der Mensch Tiere für seine Zwecke nutzt, muss er ihnen ein Leben ermöglichen, das sich zu leben lohnt. In Deutschland sind wir davon meilenweit entfernt. Das muss sich ändern und zwar schnell!
  • Zur Finanzierung des Umbaus der Tierhaltung kommen neben einer Umlenkung der EU-Subventionen u.a. die Erträge durch die Mehrwertsteuerreform und die Stickstoffüberschussabgabe / Emissionssteuer in Frage. Parallel sind die gesetzlichen Mindeststandards massiv zu erhöhen – bundesweit wie europäisch.

Die Ernährungswende macht’s möglich: Klimaschutz durch Aufforstung

Die Politik redet immer wieder von Aufforstung als Klimaschutzmaßnahme. Die folgende Grafik zeigt, wo das mit Abstand größte Potenzial schlummert:

Flächennutzung in Deutschland, Eigene Darstellung und Berechnung auf Basis von Daten des Umweltbundesamts und des Bundesinformationszentrums Landwirtschaft. Quellen: Bundesinformationszentrum Landwirtschaft, Umweltbundesamt (2019)Umweltbundesamt (2020)

Wird die Produktion tierischer Lebensmittel und damit auch der Futtermittelanbau reduziert, muss aufgrund des geringeren Flächenbedarfs pflanzlicher Lebensmittel nur ein Teil der freiwerdenden Fläche für den Anbau von Nahrungsmitteln für den Menschen genutzt werden. Es verbleibt ein erhebliches Potenzial zur Umwandlung der Futtermittel-Ackerflächen, die wenig CO2 binden, in Waldgebiete. Weideland ist wegen der hohen Kohlenstoffbindung aus Klimaschutzsicht weniger geeignet für großflächige Baumpflanzungen.

Action: Was Sie tun können!

Als Politiker*in
  • Handeln Sie JETZT. Das Ausmaß der Probleme duldet keinen Aufschub und der Wunsch der Bevölkerung nach Veränderung war noch nie so hoch wie heute.
  • Machen Sie Deutschland zum Vorreiter. Andere Länder folgen. Beispiele sind das Erneuerbare-Energien-Gesetz und die – zögerliche – Abschaffung der betäubungslosen Ferkelkastration.
  • Setzen Sie sich gleichzeitig für die Anhebung europaweiter Umwelt- und Tierschutzstandards ein. Mut macht die kürzliche Positionierung des EU-Parlaments und der EU-Kommission für die Abschaffung der Käfighaltung.
Als Parteimitglied
  • Stellen Sie Anträge. Setzen Sie sich innerhalb Ihrer Partei für die Ernährungswende zugunsten von Menschen, Tieren und Natur ein.
Als Bürger*in

Schreiben Sie uns: info@deutsche-tier-lobby.de. Wir freuen uns auf Sie. Ihre aktive Mitwirkung ist bundesweit möglich.
→ Sie wollen den Mutterschweinen helfen? Fordern Sie die Politik mit einer Postkarte zum Handeln auf! 

Als Verbraucher*in

Quellen

Max Planck Institut für Chemie (2019), abgerufen am 12.06.2021
Wissenschaftlicher Beirat für Agrarpolitik, Ernährung und gesundheitlichen Verbraucherschutz (2016), abgerufen am 12.06.2021
Penny, abgerufen am 12.06.2021
Top agrar (2020), abgerufen am 12.06.2021

Der Koalitionsvertrag aus Sicht unserer „Nutz“tiere

Bewertung des Koalitionsvertrages, Minderung von akutem Tierleid: okay; Perspektive eines Lebenswerten Lebens für "Nutz"tiere: nicht gut; Konkrete Reduktionsziele für Tierprodukte: nicht gut (Erklärungen weiter unten im Text)
Bewertung des Koalitionsvertrages: Einpreisung von Umweltschäden, effektives Ordnungsrecht: mäßig; Förderung von Alternativen zu Tierprodukten: mäßig (Erklärungen weiter unten im Text)
Bildquelle: Pixabay
  1.  Der Vertrag enthält einige gute Ansatzpunkte zur Reduktion schlimmen Tierleids: Abschaffung der Anbindehaltung von Rindern und Milchkühen im Zeitraum von zehn Jahren, verpflichtende Haltungskennzeichnung mit allerdings unklaren Anforderungen, verbesserter Brandschutz, Aufnahme von Tierschutzvergehen in das Strafgesetzbuch, Konkretisierung von Qualzuchten, Reduktion von Amputationen;

    Mobile Schlachtungen, die den Tieren qualvolle Transporte ersparen, sollen gefördert, zudem die Videoüberwachung von Schlachthöfen ermöglicht werden.

    Die Koalitionäre versprechen des Weiteren einen Lückenschluss in der Tierschutz-Nutztierhaltungsverordnung. Ob es Regeln zur Haltung aller „Nutz“tierarten geben soll, bleibt aber unklar. Bisher enthält die Verordnung nur Vorgaben zur Haltung von Kälbern, Legehennen, Masthühnern, Schweinen und Kaninchen. Für Rinder und Puten fehlen beispielsweise entsprechende verbindliche Standards.

    Lebendtiertransporte in Staaten außerhalb der EU sollen eingeschränkt werden. Für eine entsprechende EU-weite Regelung will sich die Bundesregierung einsetzen.

    Leider wird keine schnelle Abschaffung des Kastenstands oder weiterer Käfigsysteme (Kälber, Kaninchen) gefordert. Ebenso fehlt ein Verbot der qualvollen CO2-Betäubung bei der Schlachtung.

    Fazit: Aus dem Koalitionsvertrag spricht zumindest das Bemühen, schlimmstes Tierleid zurückzudrängen. Wichtige Bereiche bleiben aber ausgenommen. Angesichts überwiegend unscharfer Ankündigungen kommt es auf die konkrete Ausgestaltung der künftigen Regelungen an.

  2. Eine Perspektive für ein lebenswertes Leben für alle „Nutz“tiere bleibt der Koalitionsvertrag schuldig.

    Eine solche Perspektive könnte durch die höchste Stufe der geplanten Haltungskennzeichnung bereits jetzt konkretisiert werden. Bisher gibt es aber wenig Anzeichen dafür, dass es so kommt.

    Für uns als DTL ist klar: Tierhaltung ist – wenn überhaupt – nur dann ethisch vertretbar, wenn weit über die Minderung schlimmsten Tierleids hinaus Bedingungen geschaffen werden, die unseren „Nutz“tieren die Auslebung ihrer artspezifischen und individuellen Bedürfnisse ermöglichen. Auch die Anforderungen des EU-Bio-Siegels werden diesem Anspruch bei weitem nicht gerecht (wenig Platz im Stall, keine Gewährleistung von Weideauslauf, kein vollständiges Verbot von Amputationen/Kastenständen/Anbindehaltung etc., siehe Kampagne Haltungskennzeichnung). Systeme des Handels und das vorerst gescheiterte Tierwohllabel der vorherigen Bundesregierung sehen sogar noch schwächere Anforderungen für die Höchststufe als das EU-Bio-Siegel vor.

    Etwas Hoffnung auf eine Perspektive, die über die Minderung schlimmsten Tierleids hinausgeht, macht lediglich die angekündigte Beschränkung der Investitionsförderung auf die oberen Stufen der Tierhaltungskennzeichnung.

    Fazit: Auch die Ampel-Koalitionäre können sich nicht zu einer Perspektive durchringen, die unseren „Nutz“tieren ein lebenswertes Leben ermöglicht.

  3. Für effektive Politik bedarf es eines klaren gesetzlichen Rahmens. Aufgrund der ökologischen Zerstörungen, der sozialen und gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Tierwirtschaft sowie der aktuellen – ethisch untragbaren – Praxis der Tierhaltung, müssen konkrete, quantitative Ziele zur Senkung von Konsum und Herstellung tierischer Lebensmittel benannt werden.

    Die einzelnen Maßnahmen lassen sich dann auf ein solches Ziel hin ausrichten und je nach Zielerreichungsgrad ggf. nachschärfen.

    Der Koalitionsvertrag enthält jedoch keinerlei konkrete Reduktionsziele für Konsum und Herstellung tierischer Lebensmittel. Die Deutsche Tier-Lobby fordert eine Halbierung bis 2030 und eine Substitution durch v.a. pflanzliche Alternativen. 

    Zu begrüßen ist lediglich die Ausweitung des Öko-Landbaus bis 2030 auf 30%. Wirkt sich diese Erhöhung auch auf den Anteil der Bio-Tierhaltung aus, werden sowohl Tierleid als auch – infolge eines größeren Platzbedarfs pro Tier – Tierbestände reduziert. 

    Fazit: Die neue Regierung bleibt die Festlegung quantitativer Ziele (z.B. – 50% weniger Tierprodukte bis zum Jahr 2030) zum Umstieg von tierischer auf pflanzliche Ernährung vollständig schuldig.

  4. Die negativen ökologischen und gesundheitlichen Auswirkungen durch die Tierhaltung sind offensichtlich. Für eine ausreichende Reduktion ist die Einpreisung dieser Schäden (z.B. Stickstoffüberschussabgabe, CO2-Bepreisung) sowie ein effektives Ordnungsrecht (Grenzwerte, Flächenbindung etc.) zwingend. Der Koalitionsvertrag enthält hierzu aber wenig Konkretes.

    Positiv ist immerhin, dass der Umbau der Tierhaltung von den Marktpartnern getragen werden soll, sodass eine leichte Verteuerung tierischer Produkte zu erwarten ist.

    Nun kommt es darauf an, dass ausreichend Gelder durch die Marktpartner (Landwirte, Hersteller, Handel, Konsumenten) bereitgestellt werden, damit einerseits eine substanzielle Verbesserung der Lebensbedingungen unserer „Nutz“tiere erreicht wird und andererseits der Preisanstieg für tierische Produkte hoch genug ist, um Anreize zum Umstieg auf pflanzliche Lebensmittel zu setzen. 40 Ct. Aufschlag pro kg Fleisch, wie von der Borchert-Kommission vorgeschlagen, ist für beide Ziele unzureichend!

    Fazit: Viele Umweltprobleme durch die Tierwirtschaft werden offen benannt, die angekündigten Lösungen bzw. das Ausbleiben dieser sind jedoch eine Enttäuschung. So wird das nichts mit einer echten Agrar- und Ernährungswende!

  5. Auch wenn ein klares Bekenntnis zur Ernährungswende im Koalitionsvertrag fehlt, die Richtung stimmt dennoch: „Wir stärken pflanzliche Alternativen und setzen uns für die Zulassung von Innovationen wie alternative Proteinquellen und Fleischersatzprodukten in der EU ein.“ Es fehlen aber Maßnahmen, wie diese Stärkung umgesetzt werden soll. Wir fordern insbesondere eine Mehrwertsteuerreform (19% für Lebensmittel mit tierischen Bestandteilen, 5% für rein pflanzliche Produkte), für vegane Milchalternativen muss endlich der reduzierte Mehrwertsteuersatz gelten! Im Hinblick auf alternative Proteinquellen fordern wir, dass tierleidfreie In-Vitro-Produkte (kein Einsatz von Kälberserum) zu fördern und zügig EU-weit zuzulassen sind. Den Verzehr toter Insekten halten wir dagegen für unnötig.

    Fazit: Richtiger Ansatz, aber vollständig ungeklärte Umsetzung auch bei der Stärkung von Alternativen zu Tierprodukten.

Resümee: Der Wille zu einer zaghaften Veränderung ist der neuen Regierung nicht abzusprechen. Doch nach oben bleibt viel Luft. 

Wir bleiben dran!

Förderhinweis

Dieses Projekt wurde gefördert durch das Umweltbundesamt und das Bundesministerium für Umwelt,
Naturschutz und nukleare Sicherheit. Die Mittelbereitstellung erfolgt auf Beschluss des Deutschen Bundestages.

Die Verantwortung für den Inhalt dieser Veröffentlichung liegt bei den Autorinnen und Autoren.